Erfahrungsbericht.

Wie alles begann

Im Juni 2009 absolvierte ich erfolgreich mein Abitur. Aufgrund langjähriger sportlicher Aktivitäten und Erfahrungen als Trainerin war für mich schnell klar: „Ich will etwas mit Menschen machen!“. Über Bekannte kam ich zu einer privaten Ausbildung als Fachfrau für Versicherungen, Bausparen und Investmentanlagen. Leider musste ich feststellen, dass der Beruf in der Gesellschaft eher negativ angesehen wird. Ich persönlich konnte mir für die Zukunft vor allem Selbstbewusstsein, rhetorische Finessen und Erfahrungen in Beratungsgesprächen mitnehmen. Im beruflichen Alltag mit meinen Kunden wurde mir insbesondere vermehrt die Frage gestellt: „Machen Sie auch Steuern?“. Diese Frage musste ich stets mit "Nein, dafür stehen Ihnen unter anderem Steuerberater zu Verfügung." beantworten. Daraufhin kam ich ins Grübeln. Zu diesem Zeitpunkt war ich 21 Jahre alt. Mit einem Abitur von 1,7 standen mir viele Türen offen, sodass ich mich bei einigen Kanzleien mit einem dualen Studium an einer privaten Hochschule in Berlin bewarb. Für mich stand fest: „Nur Theorie – das ist nichts für mich.“ Ich wollte die praktischen Erfahrungen und den Kontakt zum Mandanten. Nach einigen Bewerbungsgesprächen bot mir mein jetziger Chef, Steuerberater Detlev Jahnke , die neue Ausbildung „Steuerfachangestellte mit Bachelor“ an. Nach 24 Stunden Bedenkzeit sagte ich ihm zu und freute mich auf den Ausbildungsstart am 01.08.2011.

Der 1. Schultag

Am 1. Unterrichtstag am Oberstufenzentrum Logistik, Touristik, Immobilien, Steuern (OSZ LOTIS) lernte ich meine Lehrer und vor allem meine Mitschüler kennen. Schnell stellte sich heraus, von den 23 Schülern waren ca. 6 Schüler Kinder von Eltern, die ebenfalls in dem Bereich „Steuern“ arbeiteten. Einige von ihnen hatten bereits die normale Ausbildung zum Steuerfachangestellten begonnen oder sammelten Erfahrungen als Praktikant. Ich erkannte, die Erwartungen in den neuen Ausbildungsgang schienen extrem hoch. Dies bestätigte auch Herr Dr. Krebs, der diese duale Berufsausbildung ins Leben gerufen hatte und uns während der 1,5-jährigen Unterrichtszeit am OSZ Lotis gern einmal zwischendurch besuchen kam, um nach dem Rechten zu schauen.

Was ist eigentlich anders

Im Vergleich zur gängigen Ausbildung zum Steuerfachangestellten hatten wir keinen „kurzen“ Tag, sondern montags und mittwochs stets von 8.00 bis ca. 15.00 oder 16.00 Uhr Unterricht. Das Modul „Arbeits- und Organisationspsychologie“, welches von der Beuth-Hochschule im Modulplan vorgegeben wurde, absolvierten wir an einigen Samstagen und im Selbststudium. Des Weiteren wurde bei uns zu Beginn der Ausbildung „Grundlagen der Betriebswirtschaftslehre“ sowie „Grundlagen der Volkswirtschaftslehre“ anstelle von WiSo (Wirtschaft und Sozialkunde) unterrichtet. Auch „Englisch“ mussten wir über 3 Semester belegen. Hinzu kamen die Fächer „Mathematik“ & „Informatik“, welche ebenfalls im Modulplan der Beuth-Hochschule vorgesehen waren. An einer Hochschule sind die zuvor genannten Fächer meist Module, die zum „Selektieren“ der Studierenden genutzt werden. Auch bei uns mussten einige Mitschüler binnen der ersten 6 Monate erkennen, dass sie den Anforderungen nicht standhalten werden. Somit schrumpfte unsere Klasse auf 17 Schüler. Genauso wie an den meisten Hochschulen hatten wir drei Versuche, um eine Klausur zu bestehen – ansonsten war man raus!

Die Kanzlei

Ich arbeite in einer mittelständischen Kanzlei mit ca. 17 Mitarbeitern. Auch ohne Vorpraktikum oder Vorerfahrungen wurde ich zügig umfangreich eingearbeitet und musste in den ersten Wochen nicht nur „Kaffee kochen und Papier schreddern“. Auch der Posteingang und Postausgang zählte mit zu meinen Aufgabengebieten, da man dadurch den kompletten Arbeitsablauf der Kanzlei und die Bedeutsamkeit der steuerrechtlichen Fristen lernt. Ich habe das Glück, dass mir mein Arbeitgeber viele Fortbildungen finanziert. So schickte er mich gleich zu Beginn der Ausbildung zu einem Einführungsseminar, kurz darauf folgten „Crash-Kurse“ zu den Fachbereichen Abgabenordnung, Einkommensteuer und diverse „Aktuelles Steuerrecht“ - Seminare. Ich denke, es ist wichtig, bereits beim Gespräch mit potentiellen Arbeitergebern herauszufinden, ob Weiterbildung gefördert wird oder eben nicht. Da sich im Steuerrecht ständig Dinge ändern, sollte Fortbildung zum Alltag eines Steuerfachangestellten, Bilanzbuchhalters o.Ä. gehören. Nach mittlerweile über 6 Jahren Kanzleizugehörigkeit betreue ich einen festen Mandantenstamm. Zu meinen Aufgaben gehören sowohl Finanzbuchführung als auch Jahresabschlüsse und Steuererklärungen erstellen sowie die Korrespondenz mit den Mandanten und Ämtern führen. 

Die Abschlussprüfung

Da wir bereits zum 01. April 2013 zur Beuth Hochschule wechselten, wussten wir leider nicht, wie gut uns die Hochschule für die Abschlussprüfung im November 2013 vorbereiten würde. Also entschlossen sich 2 meiner Mitschüler und ich mich bzw. wir uns dazu, einen Verkürzungsantrag zu stellen, um die schriftliche Abschlussprüfung bereits im April 2013 schreiben zu können. Gesagt, getan – bewilligt, meldeten wir uns bei einem Vorbereitungslehrgang an.

Das hieß:
Bis zum 31.03.2013 2 Tage die Woche Unterricht beim OSZ, nebenbei arbeiten, 2-3-mal die Woche abends 3 Stunden zum Lehrgang und samstags Probeklausuren. Ab dem 01. April 2013 war dann alles neu. Hochschule mit Vorlesungen, Übungsmodulen, neue Kommilitonen und Professoren sowie völlig andere „Fächer“. Kurzum - für die Abschlussprüfung hat es lei-der rein gar nichts gebracht. Umso besser, dass die Prüfung bereits Ende April stattfand. Unerwarteter Weise schlossen wir die Prüfung alle 3 mit einem „gut“ bis „sehr gut“ ab, was wohl bei „Verkürzern“ eher selten der Fall sei. Als dann im Juni die mündliche Prüfung folgte, waren wir sehr erleichtert, es nun endlich geschafft zu haben.

Wie es weiterging

Nach der Abschlussprüfung konnten wir 3 uns vollkommen auf das Studium konzentrieren. Bis zum Ende des Wintersemesters 2014/15 hieß es noch je Semester 10 Wochen Praxis und 13 Wochen Theorie, inklusive Bachelorarbeit schreiben und mündliche Verteidigung. Nach dem erfolgreichen Abschluss des Bachelor-Studiums begann ich zum Sommersemester 2015 mit dem konsekutiven Masterstudiengang Finance, Accounting, Corporate Law and Taxation (FACT) an der HTW Berlin . In dem 3- semestrigen Master-Programm wird das Fachwissen in den Bereichen Finanzierung & Investition, Rechnungslegung & Controlling sowie Wirtschafts-recht & Steuern vertieft. Mit einem aufbauenden Masterstudiengang kann man zugleich die Voraussetzungen zur Zulassung zur Steuerberaterprüfung optimieren, sofern man nebenbei mindestens 16 Wochenstunden praktisch tätig ist. 

Nach erfolgreichem Abschluss meines Masterstudiums im Oktober 2016 kehrte ich für ca. 6 Monate als Vollzeit-Arbeitskraft in den Kanzleialltag zurück. Zu Beginn des Jahres 2017 beantragte ich sodann die Zulassung zur Steuerberaterprüfung 2017. Aufgrund des Masterstudi-ums hatte ich die 2-jährige-Praxiserfahrung im Mai 2017, d.h. rechtzeitig vor Prüfungsbeginn im Oktober2017, erfüllt. Ab Ende Mai 2017 bereitete ich mich anschließend im Rahmen eines Vollzeitlehrgangs auf die anstehende Steuerberaterprüfung vor, welche ich mit der mündlichen Prüfung im März 2018 erfolgreich absolvierte.

Wer nach dem Studium vorerst eine kleine Pause vom Lernen benötigt, kann auch direkt in den Arbeitsmarkt einsteigen. Egal für welchen Weg man sich entscheidet, mit der dualen Berufsausbildung als „Steuerfachangestellte & Bachelor of Arts (kurz B.A.)“ wird einem ein Arbeitsplatz vermutlich immer sicher sein.

In diesem Sinne wünsche ich allen zukünftigen Studierenden einen erfolgreichen Start ins Studentenleben und viel Erfolg auf dem Weg zum Berufsziel: Bilanzbuchhalter, Steuerberater, Wirtschaftsprüfer oder oder oder … 

Kathleen Höft

 

[1] http://steuer-lux.de [2] http://fact.htw-berlin.de/studium/

[3] http://www.stbk-berlin.de/steuerberaterpruefung/zulassung/

 

 

 

mein Arbeitsplatz
Absolventenfeier der Beuth Hochschule im Oktober 2015
ein Plakat von mir, welches ich bei einem Rhetorik-Seminar erstellt habe